Multisensorik am Arbeitsplatz: Wie unsere Sinne uns besser arbeiten lassen

Im ersten Teil unserer Reihe zur Multisensorik am Arbeitsplatz haben wir das Thema zunächst nur grob umrissen.  Heute wird es Zeit, in die Tiefe zu gehen. Wir haben mit Olaf Hartmann gesprochen. Er ist Gründer und Geschäftsführer des Multisense Instituts für sensorisches Marketing und kennt sich mit dem Thema wie kein zweiter aus. Für uns hat er die Perspektive mal auf die Arbeitswelt verlagert. Das Ergebnis unseres anregenden Talks haben wir hier für euch zusammengefasst.

Was bewirkt Multisensorik und wo hat sie ihren Ursprung?

Bevor wir auf die Einflüsse der Multisensorik am Arbeitsplatz eingehen, wollen wir zunächst mit ein paar Grundlagen einsteigen:

Multisensorik ist keine Entdeckung der Neuzeit und auch nicht des Marketings. Ursprünglich war sie überlebenswichtig. Unser Gehirn stuft Informationen, die über mehrere Sinne kodiert sind, als relevanter ein. Anders gesagt: Mit unseren verschiedenen Sinneskanälen erhöhen wir die Präzision, mit der wir die Welt sehen. In den Daten eines einzelnen Sinneskanals schleicht sich wie bei einem schlecht eingestellten Radio ein „Rauschen“ ein und das führt zu Täuschungen bzw. Illusionen. Aber je mehr Kanäle wir miteinander kombinieren, desto stärker reduzieren wir das Datenrauschen, die Übertragung wird klarer und wir nähern uns der Wahrheit. Wir sind deshalb grundsätzlich multisensorische Wesen.

Dabei spielt die Haptik eine besondere Rolle, denn sie ist unser Wahrheitssinn. Diese Kombination erzeugt eine sehr hohe Präzision. Das bildet sich schon in unserer Sprache ab: „Wir können uns versehen, verhören. Doch wir können uns nicht ‚verfühlen’. Wenn wir etwas sehen und es gleichzeitig anfassen, ist die Chance, dass wir uns beispielsweise bei der Beurteilung des Materials vertun, fast gleich Null“, sagt Olaf. Deshalb empfahl schon Pestalozzi, dass Lernen am Besten mit Kopf, Herz und Hand funktioniert.

Evolutionsbiologisch half uns unsere multisensorische Wahrnehmung beim Überleben. Denn ob das Knacken im Wald irgendetwas bedeutet, lässt sich deutlich präziser deuten, wenn zusätzlich zum Geräusch auch eine schnelle Bewegung aus den Augenwinkeln und der Raubtieratem in der Luft wahrgenommen werden. Wer das nicht schnell verarbeitet hat, der gehörte nicht zu unseren Vorfahren. Das heißt, wir sind ein genetisch destillierter Pool von Menschen, die multisensorisch integriert wahrnehmen.

Ein Großteil davon findet unbewusst statt. Unser Gehirn verarbeitet ungefähr 40 Bits pro Sekunde bewusst – und 11 Millionen Bits unbewusst. Und diese 11 Millionen Bits an unbewussten sensorischen Reizen beeinflussen unsere Gedanken, Gefühle und Reaktionen viel stärker als die 40 Bits.

Aus Sinnesreizen, die zusammen auftreten, bildet sich eine Statistik der Umwelt. Unser Gehirn ist eine Mustersammelmaschine. Wir sammeln Statistiken, was wir erleben, und daraus bilden wir Muster, die wir nutzen, um in Zukunft schneller Entscheidungen zu treffen.

Wie beeinflussen die verschiedenen Sinneskanäle unserem Arbeitsalltag?

Die Atmosphäre im Raum hat über den Geruchssinn einen großen Einfluss auf unser Wohlbefinden und lässt sich sensorisch gut tunen – mit der richtigen Luftfeuchtigkeit und den richtigen Duftstoffen. Pflanzen tun gut, Ausdünstungen von Plastik nicht. Wie empfindlich unser Geruchssinn ist, erkennt man daran, dass in unserer Nase 400 Rezeptoren haben, die jeweils für ein einzelnes Molekül zuständig sind. Zum Vergleich: Unsere Augen haben nur vier Rezeptoren.

Dann spielt die Haptik eine Rolle. Mit welchen Dingen umgebe ich mich? Darüber kann ich auch durch Multisensorik am Arbeitsplatz bewusst eine Umgebung schaffen, die in mir die richtigen mentalen Konzepte aktiviert. Zum Beispiel Klarheit. „Wenn ich Dinge vom Tisch kriegen will, dann ist es sinnvoller, an einem leeren Tisch zu arbeiten, wo nur zwei, drei Zettel liegen. Wenn ich aber kreative Gedanken entwickeln möchte, dann kann es sein, dass ein chaotischer Arbeitsplatz, der mir viele optische Impulse gibt, die richtige Umgebung ist“, so Olaf.

Der Raumklang beeinflusst uns passiv, und mit dem Klang unserer Stimme haben wir Einfluss auf die Welt. Wie wir sprechen, beeinflusst ganz stark, wie wir nach außen wirken. Beispielsweise werden tiefere Stimmen oftmals unbewusst mit höherer Kompetenz assoziiert.

Ein und dasselbe Argument sorgt für mehr Aufmerksamkeit und Überzeugung, wenn es mit einer sonoren, tiefen Stimme vorgebracht wird und in einem gemäßigten Rhythmus.

Nun ist die Art, wie man spricht, natürlich relativ schwer kurzfristig zu verändern. Doch auch da gibt es Kniffe. Ob das Timbre in der Stimme in einer Videokonferenz beispielsweise sauber übertragen wird, hängt auch vom Mikrofon ab. Olaf empfiehlt dafür die überschaubare Investition in Höhe von 30, 40 Euro in ein gutes Mikro. „Dadurch wird meine Arbeit vielleicht nicht effektiver – aber ich kann eine sensorische Optimierung in meiner Außenwirkung vollziehen.“

Woher kommt der Hunger auf echte Begegnungen?

„Das Katerfrühstück nach dem digitalen Rausch“ – diesen Begriff prägte Olaf eigentlich im Zusammenhang mit digitalem Marketing. Doch auch im Zusammenhang mit der langen Zeit im Home Office mit der entsprechenden Bildschirmzeit passt er hervorragend.

Denn wir haben Hunger. Diese 11 Millionen Bits sind schmählich unterbedient worden. Daher rührt unsere digitale Erschöpfung. „Auch in einer Videokonferenz sind wir permanent auf Empfang und suchen unbewusst nach den multisensorischen Signalen, die uns zur gewünschten Präzision verhelfen.“ Doch stattdessen erleben wir nur Optik und Akustik. Hinzu kommt die völlig unnatürliche Situation, dass man sich selber auch noch permanent dabei sieht. „Das verändert die Art, wie wir sprechen, immerhin sprechen wir ja die ganze Zeit quasi mit uns selber im Spiegel.“

Das alles ist so viel anstrengender, als wenn man mit den Menschen in einem Raum sitzt. Denn dort gibt es so viele implizite Signale durch die Körpersprache – all das moderiert den Flow zwischen Menschen. Vor dem Bildschirm versuchen wir, diesen Ausgleich permanent selber zu leisten, indem wir die die fehlenden Signale durch Vorstellungen ergänzen. Das kostet Kraft.

Wie haben sich unsere Arbeitsweise und unsere Meetingkultur verändert?

Olaf ist überrascht, wie viel durch Videokonferenzen möglich wurde und welche Akzeptanz sie mittlerweile erhalten haben. „Für irgendwelche sinnlosen, halbstündigen Meetings nach München zu jetten  – das wird es in Zukunft nicht mehr geben“, ist er sicher. Dennoch: Organisationen, die jetzt die Mietkosten sparen und dabei noch glauben, dass sie etwas Gutes tun, werden sich noch umgucken.

„Wir müssen uns darüber bewusst sein, wie stark uns unsere sensorische Umgebung, also die körperlich erlebbare Umwelt, uns eben permanent beeinflusst, ohne dass wir es merken“, so Olaf. Komplett intrinsisch motivierte Menschen können auch ohne Begegnung wahnsinnig viel Leistung bringen. Das ist aber nicht die Mehrheit. Diejenigen, die ihre Leistung kontextabhängig bringen, werden in vielen Punkten schlechter.  Und so ticken viele von uns: „Wir denken immer, wir seien so stabil in unserer Art und unserem Charakter. Aber in Wirklichkeit handeln wir sehr stark kontextabhängig“. Unser Verhalten verändern sich durch die Situation, den Ort und die beteiligten Menschen, und die Gründe dafür nehmen wir bewusst häufig gar nicht wahr.

Zu welchen Meetings sollte man sich besser treffen?

„Immer dann, wenn es um Kreativität geht. Durch körperliches Erleben und Erfahren und Interagieren miteinander beeinflusst uns die Energie unseres Gegenüber und wenn es gute Energie ist, entwickeln wir leichter neue Gedanken“, sagt Olaf. Auch wenn man feste oder festgefahrene Situationen in Bewegung bringen oder Blockaden lösen möchte, ist es sinnvoll, sich körperlich zu treffen. Und ganz wichtig: Wenn man Vertrauen schaffen möchte. Bei einen Erstkontakt mit einem wichtigen Kunden beispielsweise ist ein persönliches Treffen deutlich besser geeignet, um eine andere Beziehungsebene herzustellen.

Hat dich das Thema Multisensorik jetzt gepackt? Dann empfehlen wir dir dieses Podcast-Interview. Hier verrät Olaf noch viel mehr Hintergründe und nimmt auch Bezug auf die Anwendung im Marketing.

Über Olaf Hartmann

Olaf Hartmann ist Gründer und Geschäftsführer des Multisense Instituts für sensorisches Marketing und gilt europaweit als Experte für multisensorisches Marketing. Er begann seine Karriere in der internationalen Werbung der Bayer AG und lehrte anschließend am Institut für Betriebswirtschaft der Universität St. Gallen. 1995 gründete er die Agentur für haptisches Marketing Touchmore. Zusammen mit dem Psychologen Sebastian Haupt beschrieb er in „Touch“ (Haufe 2016) erstmals den Haptik-Effekt im multisensorischen Marketing, erstellte 2018 die erste Metaanalyse über die Werbewirkung von Print und forscht aktuell zum Thema kontextsensitive Mediaplanung. Er ist im Vorstand der Gesellschaft zur Erforschung des Markenwesens e.V. GEM – der Forschungsplattform im Netzwerk des Markenverbands und Host des Podcasts MARKENKRAFT.

Du hast Teil 1 unserer Reihe noch nicht gelesen? Das kannst du hier schnell nachholen. Und dann freu dich schon mal auf Teil 3, denn der kommt auch bald!

Über

2 Comments

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Ihre E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.